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(Rezension) „Grenzlandtage“ von Antonia Michaelis & Peer Martin

Eines Tages, dachte sie, erkläre ich Ihnen die Welt, aber ich brauche noch etwas Zeit.

Wichtig. Wichtig. Wichtig.

Ich verstehe jetzt, warum Antonia Michaelis und Peer Martins Bücher gehypt werden – oder ich kann es mir zumindest vorstellen, denn DIESES BUCH IST WUNDERSCHÖN GESCHRIEBEN. Der Schreibstil ist zauberhaft; wie ein Fluss, der dich mitreißt und wenn du realisierst, dass du dich im Wasser befindest, bist du schon längst den gesamten Wasserfall heruntergefallen. (Ich werde immer sehr pseudo-poetisch, wenn mich Sachen begeistern und das ist auch hier der Fall.)

In „Grenzlandtage“ geht es um Jule, die kurz vor dem Abitur steht und zwei Wochen (Lern-)Urlaub in Griechenland macht und Asman, einem syrischen Flüchtling, der unbeabsichtigt in Griechenland gelandet ist, obwohl sein Ziel ein ganz anderes war. Die beiden treffen sich, einmal, zweimal, dreimal und plötzlich sind sie Teil des Lebens des jeweils anderen; verankern sich ineinander – sie fallen und landen auf Wolke 7.

Wie es in Romanen (und im echten Leben) so ist, zieht ein Sturm auf und vertreibt ihre rosa Wolke 7. Missverständnisse, Gefahren und jede Menge auftauchende Probleme mischen sich zu einer großen Suppe zusammen und machen den beiden das Leben schwer.

Flüchtlinge. Ein Thema, das zwischenzeitlich groß in Zeitungen und Fernsehen aufgezeigt wurde und dann irgendwie in den Schatten geraten ist, obwohl es immer noch hochaktuell ist. Der Liebesgeschichten-Aspekt war für mich wohl der uninteressanteste –komischerweise – obwohl ich zu 100% verstehen und befürworten kann, dass dieser eingebaut wurde, um die größeren Massen anzusprechen. Ich weiß es sehr zu schätzen, dass die Romanze im gewissen Maße als Mittel zum Zweck dient, um das ernste und sehr wichtige (und aktuelle) Thema um die Flüchtlinge näher an den Menschen zu bringen – und das schafft es auch.Traurig, aber wahr: ein erzähltes Schicksal eines einzelnen Menschen wirkt mehr als tausend unbekannte und manchmal muss man Schmerz und Leid vermarkten, damit er überhaupt gehört wird. 

„Grenzlandtage“ hat mich teilweise berührt, teilweise bereichert und teilweise beklemmt. Die Umgebung, Griechenland, wirkt wie ein Zauberland und gleichzeitig sehr echt und real – ein Mix zwischen dem wahren Erscheinen des Ortes, wenn man auf Reisen ist und dem wundersamen Gefühl, das man sich in einer anderen Welt aufhält. Am Anfang war ich sehr fasziniert, da die gesamte Insel und ihre Bewohner und die Wirkung der Wörter mich in ihren Bann gezogen hat. Als die Verliebtheit von Jule immer mehr in den Vordergrund gerückt ist, habe ich mit dem Lesen für ein paar Tage gestockt, da ich ängstlich gegenüber dem weiteren Verlauf der Geschichte gestimmt war.

Es ist schwer direkt zu sagen „Das ist der richtige Weg!“, wenn es zu diesem komplizierten Thema kommt: Flüchtlinge helfen zu wollen. Jule hat sich, meiner Meinung nach, oft sehr problematisch verhalten oder zumindest fraglich – verständlich, da ihre Gefühle im Spiel waren – teilweise aber auch naiv und von ihren eigenen Ansichten geblendet – was nicht unbedingt als Kritikpunkt für den Roman gemeint ist, da ich das relativ realistisch fand. Ich möchte nicht genau ins Detail gehen (um nicht zu spoilern), aber ihr Standpunkt ist durchaus nachvollziehbar – nur nicht wie ich wahrscheinlich in ihrer Situation gehandelt hätte. Wahrscheinlich. Es ist immer schwer einzuschätzen, wie man sich verhalten würde, wenn es zu einer Extremsituation kommen würde.

Der Titel „Grenzlandtage“ ist gut gewählt, denn Grenze ist da ein interessantes Stichwort. Wo zieht man die Grenze?Wen lässt man nach Italien, Deutschland, Schweden, in welches Land auch immer und wen lässt man zurück? Und wenn diese Fragen auftauchen, kommen auch noch andere dazu. Wie hilft man am besten? 
Gibt es einen richtigen Weg, um zu helfen und einen falschen? Ist helfen immer helfen oder macht man damit manchmal alles nur noch viel schlimmer? Wer sind wir, um zu entscheiden, wer leben darf und wer nicht? Wer sind wir, die Menschen zu verurteilen, die verschmäht wurden und dadurch härtere Bandagen anlegen, um zu überleben? Und wer ist überhaupt dieses omnipotente „wir“ von dem ich rede? Fragen um Fragen und keine Antworten in Sicht. Das Buch greift diese Gedanken, die einem beim Lesen durch den Kopf gehen, gut auf und wird hoffentlich ein paar Menschen die Augen öffnen und ihren Horizont erweitern. 

Dass bei diesem Roman ein Autorenduo am Start war, hätte ich vom Schreibstil her nie gedacht. Die Übergänge waren flüssig und ‚Jules Stimme‘ hat sich für mich immer gleich angehört. Großes Kompliment dafür! Ich werde bestimmt weitere Bücher der Autoren zur Hand nehmen.

Ich hadere mit der Punktevergabe bei diesem Buch, es zu bewerten fällt mir besonders schwer. Einen Stern gibt es auf jeden Fall für die Sprachgewalt, einen zweiten für den wichtigen Plot. Den dritten für das Ort des Geschehens und der realistischen Vorgeschichte von Asman und seiner Gruppe von Flüchtlingen. Schon alleine dafür, dass all diese tausend unbekannten Schicksale, die wahrscheinlich nie erzählt werden, es verdient hätten, gibt es einen vierten Stern. Ich kann einfach nicht weniger als vier Sterne geben – was ich auch nicht kann, ist auf eine Stelle im Buch zeigen und sagen „Das! Das ist es, was mich davon abhält 5 Sternen zu geben!“, aber irgendetwas fehlt für mich.

Schlussendlich kann ich nur sagen: Ich bin froh, dass dieses Buch existiert. Weil es wichtig ist. Und aktuell. Und man sich grundsätzlich mit wichtigen aktuellen Dingen beschäftigen sollte. (Und auch mit wichtigen vergangenen Dingen, aber das ist eine andere Geschichte.)

Weitere Rezensionen auf meinem goodreads-Profil oder meinem lovelybooks-Profil!

PS: FROHES NEUES JAHR!

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3 Kommentare zu „(Rezension) „Grenzlandtage“ von Antonia Michaelis & Peer Martin

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